Wo die wilden Tiere wohnen – Abenteuer in Masuren/Teil 2

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2700 Seen sollen zur masurischen Seenplatte gehören und gleich bei meinem ersten Besuch, ich vermute, dass es um Ostern 1991 gewesen ist, durfte ich einen besonders schönen davon, nämlich den Jezioro Dobskie (Dobensee) kennenlernen.

Kristallklares Wasser, große Schilffelder und ein Strand mit vielen Hinweisen auf vielfältiges Leben. Dazu im Hintergrund die Silhouette der Kormoraninsel (Wyspa Kormoranov), ein Anblick, der das Herz hüpfen lässt. Und eben diese Insel sollte am nächsten Tag unser Ziel sein.

Von hier aus, dem kleinen Hafen von Sztynort, sollte es losgehen. Treibstoff war damals richtig teuer und nur in den größeren Ortschaften zu bekommen. Also kauften wir einen Kanister Benzin für das Motorboot, quetschten uns mit 4 Erwachsenen, Jacken, Ausrüstung und einem Dackel in mein Auto und holperten über teils uraltes Kopfsteinpflaster hierher.

Steinort ist der ehemalige Name dieses Ortes, in dem das Stammhaus der Familie Lehndorff steht. Marion Gräfin Dönhoff, die spätere Mitherausgeberin der ZEIT, war hier regelmäßiger Gast. Der ehemalige Besitzer, Heinrich Graf von Lehndorff, wurde 1944 von den Nazis hingerichtet, weil er an dem Attentat auf Hitler beteiligt war. Die Wolfsschanze ist nur ca. 20 km von hier entfernt. Bewegende Begegnungen mit der Vergangenheit gibt es hier immer wieder und machen Geschichte geradezu spürbar.

Zunächst liefen wir, bei bewegtem Wasser, die kleine Möweninsel an und fanden hier das erste Gelege einer Silbermöwe, das in Masuren nachgewiesen werden konnte.

Schon von weitem war an den abgestorbenen, vom Vogelkot weißgekalkten Bäumen das typische „Flair“ einer Kormorankolonie zu erkennen. Maria schrieb damals an einer Doktorarbeit über diese Vögel und wir waren hier um Grundlagen für ihre Forschung zu sammeln.

Als wir an Land gingen, fielen erst einmal mehrere halbverdaute Fische auf uns herab, weil die erschreckt auffliegenden Vögel sich des störenden Ballasts entledigen wollten.

Unser Job war es jetzt die Anzahl der Nester zu ermitteln. Ich meine es waren an die 400 Kormorannester (eher rund)

und ca. 150 Nester von Graureihern (eher breit), die wir, unter Marias aufmerksamer Aufsicht, sehr sorgfältig zählten. Auch Gewölle suchten wir, also Ballen aus unverdaulichen Speiseresten, aus denen Maria dann ersehen konnte welche Fische zur Nahrung der Vögel gehören. Bei so einer Aktion unter so vielen Tieren dabei sein zu dürfen, das war etwas ganz großes für mich. Naturforscher – ein Kindheitstraum!

Es wurde schon Abend, als uns unser Motorboot, nach diesem aufregenden Tag wieder abholte. Hier werfen wir noch einen letzten Blick auf die Möweninsel bevor wir wieder das „Festland“ erreichen.

Im Sommer zeigt sich das Land dann in seiner ganzen Schönheit.

Mit meinem Sohn verbrachte ich eine Woche auf einem Bauernhof, in einem kleinen Dorf, ganz am Ende der asphaltierten Straße.

Paddeln konnte man hier, angeln und abends am Lagerfeuer sitzen. Und die alten Leute im Dorf erzählten, dass im letzten Kriegswinter Militär-LKWs auf den zugefrorenen See gefahren sind und hier in großen Kisten das berühmte „Bernsteinzimmer“ versenkt wurde. Wer weiß? Bis heute ist es noch nicht gefunden worden.

Junge Rauchschwalben haben sich am Frühstücksplatz auf unserem Balkon eingefunden.

Prachtvolle Libellen gibt es hier zu sehen

und dieser Frosch nutzt eine Zigarettenpackung als Ausguck.

Mit Glück trifft man an der Badestelle den seltenen Flusskrebs

und mit noch mehr Glück – was mag das sein?

Genau – das Baby einer Europäischen Sumpfschildkröte schält sich aus dem Ei. Wir waren gerade mit dem Auto unterwegs, als Maria von einem Freund per Handy von diesem großartigen Fund unterrichtet wurde. Was für eine Freude! Die beiden Bilder hat sie mir später geschenkt.

Mehrfach hatte ich das Glück die große Wildnis am Nordenburger See (Jezioro Oswin) erleben zu dürfen. Hier war auch die Heimat des berühmten ostpreußischen Naturschriftstellers Walter von Sanden-Guja. Seine Bücher, die nur noch antiquarisch zu bekommen sind, stehen alle in meinem Bücherschrank.

Dieses Mal waren wir mit mehreren Biologen auf der Suche nach den Koniks (siehe auch „Winter in Masuren“). Die Herde war in dem verbuschten Gelände gar nicht einfach zu finden.

Und dann gelang mir doch noch dieses schöne Foto. Ich finde es ganz großartig, dass diese robusten, kleinen Pferde mittlerweile auch bei uns in vielen Schutzgebieten, z. B. in der Cuxhavener Küstenheide, zur Biotoppflege eingesetzt werden.

So viele Geschichten gäbe es noch zu erzählen über dieses wunderbare Fleckchen Erde.

Aber es gibt noch andere spannende Orte und abenteuerliche Begegnungen, über die ich dann in Teil 3 berichten werde.

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  1. Margret Strohbach sagt:

    Wunderbar : es geht weiter und wir dürfen an deinen interessanten Begegnungen mit Mensch und Tier teilhaben. Ich bedaure, noch nie in Masuren gewesen zu sein!

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