Der Vistas – Tag 4

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Heute starten wir nach dem Frühstück ohne Gepäck und erkunden die Landschaft um die Hütte herum. Wie eine Burg steht sie auf einer Erhöhung am Fluss. Ein Hubschrauber ist gerade gelandet, vermutlich um Wanderer abzuholen. Gestern haben wir den Landeplatz gesehen, eine Holzplattform, die nicht viel größer ist, als die Kufen des Hubschraubers. Klasse Piloten müssen das sein, die hier in den Bergen arbeiten.

Als Klaus und ich hier waren, gab es noch keine Brücke über den Fluss und wir haben Stunden gebraucht, bis wir eine Furt gefunden hatten. Mit Karte und Kompass haben wir dann nach dem kürzesten Weg ins Vistas-Tal gesucht und sind ohne Weg und Steg quer durch die Berge gewandert, teilweise auch geklettert, bis wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit die schützende Hütte am Vistas-Fluss erreicht hatten.

Das werden wir beide nicht tun! Heute laufen wir schon einmal ein Stück auf dem markierten Vistasvägen, um in ein Samidorf ganz in der Nähe zu gehen.

Auf halbem Wege dorthin begegnet uns Moa, die auch durch das Tal wandern will. Sie wird jedoch nach 20 Kilometern abzweigen, um durch das Tarfala-Tal die Kebnekaise-Gebirgsstation zu erreichen, wo in vier Tagen Freunde auf sie warten.

Der Kebnekaise ist mit 2097 Metern Höhe der höchste Berg Schwedens. Selma Lagerlöf hat in ihrem Kinderbuch „Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen“ die Anführerin der Wildgänse, Akka von Kebnekaise, nach diesem Berg benannt. Wir werden auf unserem Weg durch das Vistas-Tal an der westlichen Flanke dieses großen Bergmassivs unterwegs sein.

Die beiden Frauen haben sich soviel zu erzählen, dass ich erst einmal allein weiterlaufe.

Im Dorf ist niemand anzutreffen. Diese Ansiedlungen sind Sommerdörfer und ich vermute dass die Einwohner jetzt gerade bei ihren Herden sind. Unser Bootsführer hatte uns gestern erzählt, dass er hier vor ein paar Jahren ein neues Haus gebaut hat, dass aber bei einem Wintersturm völlig zerlegt und über das Eis auf die andere Seite des Sees geweht worden ist. Wie gut, dass wir so schönes Wetter haben.

Morgen wollen wir ins Vistas-Tal und ich denke schon seit Tagen darüber nach, warum ich schon als ganz junger Mensch gerade hierher wollte. Natürlich war es die Abenteuer-Lektüre meiner Generation, die den Wunsch nach eigenen Reisen und aufregenden Erlebnissen ausgelöst hat: „Lockruf des Goldes“, „Abenteuer des Schienenstrangs“ oder „Wolfsblut“. Aber auch die großen Entdecker wie Fridtjof Nansen und Roald Amundsen haben mich damals ungeheuer interessiert. Kanada oder Alaska waren aber unerreichbar und so musste es das „Alaska Europas“ sein, der hohe Norden Skandinaviens.

Eine gepflegte ursprüngliche Sami-Kotta.

Ich hatte schon immer Freude an Karten und so entdeckte ich den Buchladen „Dr. Götze, Land und Karte“ in Hamburg. Hier gab es Kartenmaterial für jedem Winkel der Welt und hier stöberte ich herum und besorgte mir erste Karten von meinem Sehnsuchtsland. Und auf ihnen entdeckte ich den Vistas-Fluss, einen unverbauten Fluss mit einem spannenden, weit ausgedehnten Binnendelta. Das klang nach Wildnis und Abenteuer. Das wollte ich sehen und erleben und Klaus wollte mit.

Ich hatte schon nicht mehr damit gerechnet, aber Irene und Moa haben sich doch voneinander verabschieden können und nun genießen wir einfach das unerwartet schöne Wetter und die Wärme.

Das erste Mal auf dieser Reise finde ich heute meinen Platz auf einem schönen großen Findling, mit weitem Blick in das Tal und auf den See und in meinem Kopf breitet sich eine ganz angenehme Ruhe aus. Keine Gedanken, die kreisen. Nur Ruhe und das Gefühl, dass alles so, wie es gerade ist, genau richtig ist. Es ist wohl diese Kargheit, die Ursprünglichkeit dieser Landschaft und das Fehlen von menschlichen Einflüssen, das dieses Gefühl bei mir auslöst. Und das ist einer der Gründe, warum es mich immer wieder hierher zieht.

Hier ist niemand außer uns, nur ein Fischadler ist zu sehen, der auf der Suche nach Beute seine Kreise über dem Wasser zieht.

Erst am späten Nachmittag sind wir zurück. Jetzt lockt die Sauna. Die schönste auf dem ganzen Kungsleden soll sie sein. Sie hat eine traumhafte Lage und zum Abkühlen kann man direkt in den kalten Fluss steigen.

Am Abend kreist ein Steinadler über dem See und vor der Hütte sucht eine muntere Schar von Schneehühnern nach Nahrung. Vor dem Saunahäuschen hoppeln zwei Schneehasen herum. Manchmal vermisse ich doch meine Kamera, aber nur ein bisschen, denn für diesen Weg wäre sie einfach zu schwer und zu sperrig gewesen.

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