Der Vistas -Kiruna

Gestern sind wir mit dem Bus, dem Nikkaluokta-Expressen, in ca. anderthalb Stunden nach Kiruna gefahren. Ich habe die Hoffnung auf zumindest einen Teil des alten Stadtzentrums noch nicht aufgegeben. In unserem Vandrarhem reagiert die junge Frau an der Rezeption auf meine Frage danach nur mit Achselzucken. Ich mag das zunächst gar nicht glauben, aber dann erzählt uns ein älterer Herr an der Bushaltestelle, dass es sie tatsächlich überhaupt nicht mehr gibt. Die Erzmine hat den Boden unter der Stadt so durchlöchert, dass Risse entstanden sind und die Stadt einzustürzen drohte.

Seit 2015 wird das alte Kiruna deshalb nun abgerissen oder wegtransportiert. Um 3-5 Kilometer wird die ganze Stadt nach Osten verlagert. Der Umzug ist bis in die 2030er Jahre hinein geplant. Spektakulär war der Umzug der 600 Tonnen schweren Holzkirche. Sie wurde untergraben, auf Stahlträger gestellt und dann auf einem Fahrgestell mit 224 Rädern, 5 Kilometer zu ihrem neuen Standort transportiert. 45 Millionen Euro hat allein dieser Umzug gekostet.

Das Gelände um sie herum ist noch Baustelle und man wird sie wohl erst im nächsten Jahr wieder besuchen können.

Auf unserem Weg in die Innenstadt kommen wir an einem Haus vorbei, das ebenfalls umtransportiert wurde und jetzt auf ein neues Fundament gestellt wird.

Was man bei dieser gigantischen Aktion wohl nicht genügend berücksichtigt hat, ist das extreme Wetter hier im äußersten Norden des Landes (im Winter bis minus 30 Grad). Das alte Kiruna war an einem Südhang gebaut worden, so dass die Sonne die Stadt erwärmte. Die Straßen waren so verwinkelt, dass der Wind darin gebremst wurde. Die neue Stadt liegt im Flachland und der Wind fegt ungebremst durch die hohen Straßenschluchten. Kiruna ist um gefühlte 10 Grad kälter geworden.

Das Schneehuhn steht für den Namen der Stadt. In der samischen Sprache hieß diese Region Giron, übersetzt: Schneehuhn.

Das „neue“ Kiruna“ wirkt für ca. 17000 Einwohner etwas überdimensioniert und Einkaufsstraßen und Malls sehen irgendwie aus, wie überall in der westlichen Welt. Wir kommen in Cafe`s oder in Geschäften gut mit Menschen ins Gespräch und hören mehrfach von Traurigkeit über den Verlust des alten Wohnorts. In mehreren Läden sehen wir schöne gemalte Bilder vom ursprünglichen Geschäft in der Altstadt. Über Proteste habe ich aber im Internet nichts in Erfahrung bringen können. Die Mine ist eben auch der zentrale Arbeitgeber.

Beindruckt sind wir aber doch vom örtlichen Rathaus. Der runde weiße Bau ist Verwaltungssitz und „Museum für zeitgenössische Kunst“ gleichzeitig.

Auf den Gängen befindet sich die Ausstellung und in die Büros und Besprechungszimmer kann man hineinsehen. Eine spannende Kombination und ein Stück gelebte Transparenz.

Dieses Bild erinnert mich sehr an unsere Tage in den Bergen.

Holzschnitzereien eines Sami-Künstlers mit Intarsien aus Rentierknochen.

Kiruna wird 2029 europäische Kulturhauptstadt sein. Die Stadt wirbt dabei unter anderem mit der arktischen Natur und der reichen Kultur der Sami. Die Sami beklagen, dass die Sicherung der traditionellen Wander- und Weidegebiete ihrer Rentiere politisch ignoriert wird. Ausserdem führt der Rohstoffhunger schon jetzt dazu, dass Bergbaukonzerne ihr Interesse auf die großen Wildnisgebiete westlich der jetzigen Minen richten.

Vielleicht kann der Blick Europas auf diese Region dazu beitragen, dass die Rechte der Sami, der letzten indigenen Bevölkerung unseres Kontinents, gestärkt werden und dass eine Natur erhalten werden kann, die es so kein zweites Mal gibt.

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