Ein Winter in Masuren

In den frühen 90er Jahren war es, als mich eine gute Freundin ansprach, ob ich nicht mit ihr nach Masuren fahren wolle. Bei einer Reise in die Heimat ihrer Eltern hätte sie dort Naturschützer kennengelernt, sich angefreundet und das wäre doch bestimmt sehr spannend für mich.

Und es war sehr spannend für mich und ich habe seither viele Reisen dorthin unternommen. In besonderer Erinnerung ist mir aber eine gemeinsame Reise mit meinem Onkel im Winter, ich vermute 1995/1996, geblieben. Die Dias, die damals entstanden sind, habe ich digitalisieren lassen. Sie haben deshalb den Charme von mittlerweile 30 Jahre alten Bildern.

Was hatten wir für einen tollen Winter und wie vermisse ich den Schnee, auf den wir bei uns mittlerweile ganz verzichten müssen.

Unser „Basislager“ war immer die Wohnung unserer Freunde in Olsztyn, dem ehemaligen Allenstein. Das „Aquarium“ wurde das Haus genannt, weil hier früher die „großen Fische“ gewohnt hatten (hier ein Blick aus dem Fenster).

Von hier aus starteten unsere „Expeditionen“ ins  „Land der dunklen Wälder und kristallenen Seen“.

Bei meinen ersten Besuchen waren noch viele Pferdewagen auf den Straßen zu sehen. Ein Pferdeschlitten, wie hier, war aber auch damals schon etwas Besonderes.

Es war herrlich durch die verschneiten Wälder zu stapfen. Kalt war’s dabei, sehr kalt mit tiefem Frost und trockenem, eisigen Wind aus dem Osten.

Oft waren wir bei Bauern oder Förstern zu Besuch, meist ganz weit draußen. Von Luchsspuren im Schnee wurde hier erzählt und von Wölfen, die im Hausabfall gewühlt hatten.

Einmal besuchten wir die Wisente in der Puszta Borecka. Ca. 80 von ihnen lebten hier völlig frei und nur im Winter wurden sie angefüttert, um sie von den Feldern und Dörfern fernzuhalten und um ein zu starkes Schälen der Waldbäume zu verhindern.

Aufregend war ein Treffen mit einem Wildhüter und Holzschnitzer, der mit seiner Familie weit abgelegen hinter Wegorzewo (ehemals Angerburg) lebte. Dieses, ca. einen Meter breite Kunstwerk, ganz aus Holz geschnitzt, hatte er gerade fertiggestellt und es sollte jetzt zum Verkauf nach Warschau gebracht werden.

Zwei Herden wilder Koniks gab es hier. Ich meine es waren insgesamt über 30 Tiere dieser rückgezüchteten Urwildpferde, die hier lebten. Sie brauchten keinen zusätzlichen Zaun. Ein Sumpfgebiet, ein See (Jezioro Oswin) und die Grenze zu Russland sorgten dafür, dass sie in dem Gebiet blieben.

Der stattliche Hengst hatte nur noch ein Auge. Das andere hatte er im Kampf mit einem Rivalen verloren.

Ich mochte es sehr, sehr gern, dieses wilde, unberührte Stück Natur „am Ende der Welt“, wo man den Wildschweinen am helllichten Tag vom Wohnzimmer aus beim Fressen zuschauen konnte.

Im Sommer haben wir hier Seeadlerhorste kontrolliert und Elche und sogar den seltenen Schreiadler beobachtet.

In diesem Winter hätten wir fast dort bleiben müssen. Gegen Abend hatte es getaut und unser Gastgeber hatte sich mit seinem uralten russischen Geländewagen gnadenlos festgefahren.

Mit einem selbstgebauten, riesigen Vorschlaghammer wurde eine Metallstange in den Boden gerammt und mit einer Seilwinde zogen wir den Wagen dann in mehreren Etappen aus dem Schlamm. Herr M., der Vater unserer Freundin, hielt sich dabei sehr zurück: „Das ist äjne dumme Arrbäjt“, sagte er in altem ostpreußischen Dialekt.

Als es immer dunkler wurde, kommentierte mein Onkel, der diese Sprache nach dem Krieg von Flüchtlingskindern gelernt hatte, unsere Situation so: „Auf die äjne Säjt de russische Jränz und auf die andere Säjt höjlten de Wölfe“.

Viele solche Geschichten gibt es zu erzählen und schön und abenteuerlich war dieser Winter in Masuren, im alten Ostpreußen, dem heutigen Nordosten Polens.

Uns allen, aber insbesondere den Freunden in dieser östlichen Ecke der Europäischen Union, wünsche ich eine schöne Weihnachtszeit und ein gesundes und vor allem friedliches Jahr 2026.

6 Kommentare auch kommentieren

  1. Margret Strohbach sagt:

    Was hast du uns wieder vorweihnachtlich und in eine beeindruckende Gegend geführt! Und dazu diese spezielle Sprache, die sich in die Landschaft einpasst in ihrer Härte und dennoch liebevollen Zugewandtheit.
    Danke für den morgendlichen Ausflug dorthin!!!
    LG Margret

    1. admin sagt:

      Liebe Margret, das ist sehr treffend, wie du diesen ganz besonderen Dialekt beschreibst. Leider verschwindet er unaufhaltsam.
      Ich habe mich in den letzten Wochen des grauen Wetters und der kurzen Tage wieder mehr mit Erinnerungen an meine abenteuerlichen Reisen nach Masuren beschäftigt. Dabei habe ich herausgefunden, dass der NABU Niedersachsen mittlerweile jährlich 3 Reisen dorthin anbietet, die vor Ort von einem guten polnischen Bekannten von mir begleitet werden.
      Einen guten Rutsch ins neue Jahr wünsche ich dir

  2. Erich von Hofe sagt:

    Es ist interessant, wo du in deinem Leben schon überall warst. Im winterlichen Masuren und im Kontrast dazu im heißen Mali. Mich haben deine Bilder an eine Fortbildung erinnert, an der ich im März 2012 in Perm in Sibirien teilgenommen habe. Dort waren wir bei Sonnenschein im kalten sibirischen Winter unterwegs. Ich bedanke mich für die Teilnahme an deiner Reise.
    LG Erich

  3. Tobias sagt:

    Ich erinnere mich an Erzählungen davon und fand es schon damals immer sehr spannend. Heute wünsche ich uns Menschen einfach den nötigen Respekt vor unserer Erde/der Natur, Gesundheit und vor allem Frieden. Danke dir für diese Eindrücke, Cousin Volker!

  4. Klaus Richter sagt:

    Lieber Volker, vielen Dank für Deine eindrucksvollen masurischen „Erzählungen“ in Bild und Text. Abgesehen vom Eingangsfoto Eures seinerzeitigen „Basislagers“ erinnert vieles an winterliche Landschaften mit Impressionen wie es sie auch hierzulande einst häufiger gab ( malerisch festgehalten in Bildern von O. Modersohn u.a. ), als die Winter noch solche waren. Aber wenn die Wetterprognosen zutreffen sollten, könnte sich das gegenwärtige Grün schon gleich nach der Jahreswende in eine winterliche Schneelandschaft verwandeln. Dir und Angela alles Gute für das neue Jahr! Klaus

    1. admin sagt:

      Vielen Dank lieber Klaus, auch euch zwei wünsche ich ein schönes und gesundes neues Jahr und vielleicht treffen wir uns das nächste Mal dann ja in den Wiesen im Schnee

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