Das „Grüne Band“ Wandern im wilden Deutschland – Tag 11

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Außer mir verlässt niemand den Zug in Oebisfelde. Der Wind pfeift über den Bahnsteig und es fehlt nur noch die Mundharmonika aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und die Szene wäre perfekt.

Kaum zu glauben, daß Oebisfelde einmal zu den wichtigsten Transitbahnhöfen im Interzonenverkehr der beiden deutschen Staaten gehört hat.

Als die einzige, fußläufig zu erreichende, Bäckerei, wegen Wasserrohrbruchs keinen Kaffee ausschenkt, beschließe ich diese Stadt zu verlassen.

Sowieso ist es für mich immer etwas Besonderes nach Bahnanreise, Stadt und Autoverkehr endlich wieder ins freie Feld zu kommen.

Und das ist heute etwas ganz Besonderes. Bis zum knapp 30 Kilometer entfernten Brome, werde ich fast nur im Drömling unterwegs sein. Der Drömling, Naturpark und Biosphärenreservat, ist eine weitläufige und sehr wasserreiche Landschaft. Von vielen Wassergräben durchzogen, wird sie von vielen seltenen Pflanzen und Tieren bewohnt.

An meinem Frühstücksplatz singt die Nachtigall und begleitet mich einen großen Teil des Weges mit ihrem Gesang. Auch der Pirol ist mit seinem melodiösen Gesang in den hohen Alleebäumen zu hören.

Von diesem tollen Beobachtungsturm aus beobachte ich Rehe, Silberreiher und viele Kraniche, die ihre langen Hälse aus dem hohen Gras strecken

Kurz bevor ich hier den Mittellandkanal überquere, kommt plötzlich, ca. 10-15 m vor mir, ein Fuchs mit einer fetten Maus im Maul aus den Büschen und trottet ein Stück vor mir her.

Ich freue mich über blühende Ackerrandstreifen mit Stieglitzen, Goldammern, Schafstelzen und vielem gefiederten Volk mehr. Traurig dabei, das es früher viel mehr waren und nicht nur in geschützter Natur, sondern überall.

War ich bisher noch in überwiegend landwirtschaftlich genutzten Bereichen unterwegs, geht es jetzt in das „Land der tausend Gräben“, wo man die Natur sich weitgehend selbst überlässt.

Ich bewege mich jetzt östlich der ehemaligen Grenze, weil man den Grenzverlauf zum Totalreservat erklärt hat, in das niemand hineindarf.

Es ist wunderbar. Frösche quaken, der Teichrohrsänger singt sein – karre, karre, kiet, kiet, Rohrweihen jagen über dem Schilf nach Beute und immer wieder lässt sich auch der Storch blicken, von dem es hier 60 Brutpaare gibt.

Immer wieder gibt es neue, schöne Perspektiven.

Und dann freue ich mich ganz besonders, denn hier hat tatsächlich der Biber gearbeitet.

Zuerst war der Himmel wie reingewaschen, nachdem ein Hagelschauer über mich hinweggezogen war. Nun kommt da etwas Neues, Düsteres auf mich zu. Unter einer weit ausladenden, alten Eiche zu stehen, während dicke Wolken sich abregnen, ist etwas ganz Besonderes.

Und dann wieder ein Stück bittere Vergangenheit. Zicherie und Böckwitz, zwei Dörfer, die über die Jahrhunderte fast zusammengewachsen waren, wurden durch den Grenzstreifen getrennt, der genau hier die Straße querte.

So sah sie aus, die Mauer zwischen den Dörfern. Heute zu besichtigen in einem kleinen, sehr gepflegten Grenzlandmuseum, nur wenige Kilometer entfernt.

Wie gut, daß ich das Bettzeug in meinem Gästezimmer im Dunkeln nicht sehen kann.

4 Kommentare auch kommentieren

  1. Sonja Schwarten sagt:

    Lieber Volker,
    es ist wieder sehr schön mit dir auf Reise zu gehen und deine Natureindrücke teilen zu können! Vielen Dank und noch einen herrlichen Tag in der freien Natur für dich,Sonja!
    P.S.: Herzliche Grüße auch an Angela, die die Coronainfektion hoffentlich nicht so plagt!

  2. Erich von Hofe sagt:

    Lieber Volkder,
    es macht Freude, dich wieder ein Stück auf deinem Weg anf er ehemaligen Grenze zu begleiten. Der Drömling gefällt mir besonders, weil die Pflanzen, Tiere und die Landschaft mich besonders ansprechen.
    Mit Angela habe ich telefoniert. Wie geht es dir? Ich bin gespannt, wie du dich entscheidest.
    Herzliche Grüße
    Erich

  3. Angela sagt:

    Lieber Volker,
    was für tolle Bilder,in denen du diese wasserreiche Region festgehalten hast und durch deine Texte „fliegt“ frau mit Leichtigkeit und Freude. Danke.

  4. Brennecke sagt:

    Lieber Volker,
    Angela hat es so schön gesagt, besser kann man nicht beschreiben, wie du schreibst und wie es sich liest!
    Hoffe, Angela geht es gut genug, dass du deinen Weg trotzdem fortsetzen kannst.
    Liebe Grüße Irene

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